Drei Monate vor der Abreise treffe ich die Entscheidung, neu anzufangen. Ich will laufen, egal wohin mich das Leben führt. Laufen, um den Kopf frei zu kriegen, um aus alten Strukturen herauszubrechen, um den Sinn und die Freude in den kleinen Dingen zu erkennen. Ich will Laufen, um mich zu verändern. Die Stadt ist nicht mehr länger mein zu Hause. Der ständige Lärm, der Trubel und die Hektik in den Einkaufsläden, die Menschenmassen am Hauptbahnhof, der ständige Verkehr, die überfüllten Straßen und Parks. Ich möchte Abstand von all diesen Begegnungen und zur Ruhe finden. Ich fange an, darüber nachzudenken, was ich mir die letzten Jahre selbst erschaffen habe. Immer wieder gibt es Momente in meinem Leben, die mich dazu bringen, aus meinem Alltag aussteigen zu wollen. - Nicht weil ich unglücklich bin, sondern weil ich mir mehr für mein Leben wünsche. Die Abläufe unseres Alltags sind oft bis ins Detail festgelegt, sodass man keine Zeit mehr findet, sich einfach vom Leben treiben zu lassen. Der Terminkalender unterwirft uns einem immer schneller werdenden Takt. Das ständige Konsumverhalten und das Verlangen immer mehr haben zu wollen. Immer erfolgreicher zu sein, noch höher hinauf. In einer Gesellschaft, in der jedes Risiko vermieden wird, wächst das Bedürfnis nach Abenteuer in mir bis ins Grenzenlose. Während meiner Recherche über unterschiedliche Langstrecken-Wanderungen treffe ich irgendwann auf den Arizona National Scenic Trail und verliebe mich sofort in diese bizarre Landschaftsform. Ich will meine Füße in den heißen, roten Sand vergraben und mich freiwillig den Extremen des Klimas, der Hitze und Wasserknappheit aussetzen, um mich an der Einfachheit und den wesentlichen Dingen des Lebens zu erfreuen.

Ich trage wie eine Schnecke mein Haus auf meinem Rücken. Mein Rucksack und ich werden zu einer Einheit. Die Sonne steht hoch am Himmel und die Luft zieht die Feuchtigkeit aus jeder Pore meines Körpers. Langsam wird mein Wasservorrat knapp. Die Welt ist eingespannt zwischen grandiosen Lichtstimmungen und warmen Farbnuancen, doch die Hitze wird mit jedem Schritt stärker und greifbarer. Während der heißen Stunden scheinen, abgesehen von mir, nur noch Raubvögel uneingeschränkt aktiv zu sein. Sie schweben hoch oben am Himmel und ziehen in ständig überlappenden Kreisen ihre Runden, bis sie sich langsam in Richtung Horizont treiben lassen. Ich bleibe einen Moment stehen und beobachtete, wie sie ohne einen weiteren Flügelschlag immer weiter aus meinem Blickfeld verschwinden. Die Monotonie der Landschaft überschwemmt mich sofort mit natürlichen Sinneseindrücken. Wir leben in einem Meer aus tausend Geräuschen, die man in seiner unmittelbaren Umgebung irgendwann gar nicht mehr wahrnehmen kann. Sei es das Ticken einer Uhr, der summende Kühlschrank, das leise Gluckern einer Heizung, der surrende Computermotor, flirrende Lampen oder der Geräuschpegel der Autos in der Nachbarschaft. Vieles bricht gleichzeitig über uns herein, sodass wir ständig von einem Geräusch zum nächsten gejagt werden. Die Konsumgesellschaft lebt von dieser Reizüberflutung, um ständig neue Bedürfnisse zu wecken. Und weil man mit der Zeit mehr und mehr abstumpft, wird die Werbung immer lauter, aufdringlicher und greller. Im Laufe der Jahre hat man sich so an die Dauerberieselung gewöhnt, dass man schon gar nicht mehr ohne Musik oder andere Hintergrundgeräusche leben kann. Wenn es zu still wird, kommt es uns schon fast unheimlich vor. Hier habe ich gar keine andere Wahl, als der Stille zuzuhören. Während der Mittagshitze höre ich rein gar nichts. Kein Vogelgezwitscher, kein Wind, kein Bachlauf, keine zirpenden Insekten. Ich höre ausschließlich meine eigene Bewegung. Mal laufe ich durch eine dicht bewachsene Ebene aus vereinzelten Bäumen, Sträuchern und Wüstenkakteen. Mal durch karge Ebenen mit hochwachsenden, vertrockneten Gräsern. Das Leben wird auf die einfachste Motorik reduziert und ich bin überwältigt, wozu mein Körper überhaupt in der Lage ist. Ich bewege mich langsam, aber stetig in meinem eigenen Rhythmus. Das Funktionieren wird unterbrochen, denn ich gebe mir selbst das Maß vor. Ich spüre meinen Körper viel intensiver, als ich es zu Hause jemals konnte. Man wird von der Natur programmiert und fokussiert sich darauf, was gerade ist und nicht mehr was sein könnte. Man fängt an sich mit den wesentlichen Punkten im Hier und Jetzt zu beschäftigen. Die Hitze der Sonne, der Sand, die üppige Landschaft, Durst, Müdigkeit, Erschöpfung, Einsamkeit oder auch Euphorie, Stolz und Freude. Die Landschaft der Wüste fordert die Reflexion.

Die Minimierung der Ansprüche ist automatisch eine Optimierung der Freiheit. Wer alles zurücklässt und nur mitnimmt, was man selber tragen kann, kommt mit einem neuen Bewusstsein zurück. Abzuwägen, was mit kann und was nicht, ist eine Kunst zu minimieren, um eine sinnvolle Relation von Aufwand und Nutzen herzustellen. Genauso ist auch das Leben auf kleinem Raum. Wenn man sich genau überlegt welche Dinge man benötigt, fängt man an das zum Leben Notwendige von den alltäglichen Begierden zu unterscheiden. Auch du kannst dir mehr Freiräume und mehr Lebenszeit schaffen.